Wer spinnt wirklich? - Ausnahmezustand im Gundeldingerquartier

[sam] Auf dem Dach steht ein Mann und wirft Ziegel. Lässt sich nicht überreden, wieder herunter zu kommen. 50 Stunden hält er uns in Atem. Ein psychisch Kranker, ein geistig Verwirrter, ein Irrer, wird berichtet.

Kamerateams installieren sich, die Gaffer rücken an mit Campingstuhl und Bier. Ziehen sich den Event rein, eine Realityshow im strahlenden Maiwetter. Nur kommt das Spektakel nicht recht voran, so dass sich laut Medien offenbar einige Leute bemüssigt fühlen „springen, springen“ zu skandieren.
Die Reaktion der in Massen aufgelaufenen Zuschauer zeigt primär eins; unsere grosse Distanz zu psychischen Krankheiten. Der da oben auf dem Dach ist was dermassen Fremdes und Aussergewöhnliches; mit dem Leben der ganz normalen Basler Bürger hat das nichts zu tun. Nur mit dieser Abspaltung ist erklärbar, dass Menschen völlig unbeteiligt und geradezu vergnügt zuschauen können, wie ein anderer psychisch verzweifelt, quasi am Ertrinken ist. In der Tat haben wir es mit einer Extremsituation zu tun, mit einem Menschen der in grösster Not, sich und andere gefährdet. Was dabei vergessen geht; dieser Mann könnte unser Familienangehöriger sein, der Bruder, Freund, Arbeitskollege, Fussballkumpel. Es ist den Fachkräften vor Ort hoch anzurechnen, dass sie die menschliche Not erkannten und insgesamt behutsam vorgingen. Fast jeder Zweite krankt in der Schweiz einmal im Leben an einem behandlungsbedürftigen, psychischen Leiden.
Unser Bild von Betroffenen ist durch Medien und Einzelereignisse verzerrt. Die Mehrheit der Betroffenen leben weitgehend selbstständig, direkt mit uns, oft zurückgezogen, unauffällig, auch regelmässig am Arbeitsplatz. Wie sonst auch im Leben gibt es die ganze Vielfalt von Lebens- und Ausdrucksformen. Trotzdem sind unser Wissen zu psychischen Krankheiten und unsere Vertrautheit mit Personen die daran leiden bis heute minimal geblieben. Sicher, die Betroffenen können manchmal ganz schön schwierig sein. Das gilt aber für die sogenannt Gesunden auch. Wir sind am Leiden dieser Menschen beteiligt, ob uns das passt oder nicht. Ihre Lebensrealität könnte  auch unsere werden, sei es als Erkrankter oder als Angehöriger. Beides führt zu schwerer Belastung und Not. Wissen und Verständnis, Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Betroffenen, hilft die Angst vor dem Fremden abzubauen, bewirkt Vertrautheit. Wir wissen heute; der aufgeklärte, enttabuisierte, verständnisvolle Umgang mit psychischer Krankheit und betroffenen Menschen, sind wesentliche Voraussetzungen, damit das Leiden früh erkannt, Hilfe geholt oder angenommen wird. Der verständnisvolle Umgang hilft Betroffenen und Angehörigen bei der Bewältigung ihrer schwierigen Situation. Genau dieses Ziel verfolgt die Kampagne Hallo! Ich bin ein Mensch, keine Krankheit. Lesen Sie mehr dazu unter http://www.hallo-ich-bin-ein-mensch.ch/ und helfen Sie mit, dass Menschen mit psychischer Krankheit nicht Ausgegrenzte, sondern als Mitglieder unserer Gesellschaft integriert sind.

Martina Saner. Geschäftsführerin Stiftung Melchior
Mitinitiantin der Kampagne Hallo! Ich bin ein Mensch, keine Krankheit